logo

Callcenter Übermorgen

Eine Telefonreise in Dein ungelebtes Leben


*** Eingeladen zum Heidelberger Stückemarkt 2015 ***

Suchmaschinen und Auswahlmenüs prägen unseren Alltag. Mehr denn je stellt sich die Frage: Wie könnte mein Leben aussehen, wenn ich mich anders entschieden hätte? Wann schlägt meine Wahlfreiheit in Unfreiheit um? Callcenter Übermorgen ist ein Entscheidungstrainingscenter der Zukunft für verpasste Lebenschancen und neue Lebensentwürfe.

Im  Callcenter Übermorgen  sitzen die Teilnehmer in separaten Kabinen, das Telefon klingelt und es beginnt eine Achterbahnfahrt durch Sprachmenüs und Entscheidungslabyrinthe. Wer oder was sagt mir, was ich wählen soll? Wer zieht die Fäden? Erlebt meine Nachbarin den besseren Trip? Ein Abend über Selbst- und Fremdverantwortung, Wahlfreiheit und gelenkte Menü-Demokratie. Eine suggestive Telefonreise in die hypertextuelle Matrix der Möglichkeiten, vorbei an den schwindelerregenden Höhen, unheimlichen Schräglagen und depressiven Tiefen eines unter Optimierungsdruck geratenen Lebens im 21. Jahrhundert.


Galerie



Video



Presse


„Callcenter Übermorgen ist eine nicht unanstrengende, glänzend in Szene gesetzte, immer wieder auch sehr witzige Performance-Installation, in der Fragen nach Optimierungswahn, Wahl- und Unfreiheit mit bezwingender suggestiver Kraft verhandelt werden.”
(Mannheimer Morgen)

„Die Gruppe Interrobang strebt eine neue Form von Theater an […]. Sie ermuntert das Publikum zur Auseinandersetzung und zur Teamarbeit, und doch erlebt sie jeder anders […]. Nach welchen Kriterien entscheiden wir uns? Gibt es den freien Willen? Macht unsere Wahl einen Unterschied? Können wir uns dem Entscheidungsdruck entziehen?“
(Die Deutsche Bühne)

„In den 40 halbtransparenten Einzelkabinen, die das Kollektiv Interrobang wie ein Labyrinth aus frei hängenden weißen Jalousien in den Hochzeitssaal der Sophiensaele installiert hat, sitzt das Publikum am Telefon. Gut 90 Minuten lang wählt es sich via Sprachmenü durch diverse Reiserouten, die in immer abstraktere „Dimensionen“ führen – zu postbiblischen Sintflut-Szenarien („Die Katastrophen von gestern bilden den Kreuzfahrt-Flair von morgen“) oder zum Mord am Mitspieler.Dabei montiert die akustische Reise in erstaunlicher Diskursbandbreite O-Töne von Hannah Arendt, dem Philosophischen Radio oder Blockbuster-Filmen. Die Dienstleistung, die Interrobang in einer „Welt der Suchmaschinen und Auswahlmenüs“ verspricht, heißt „Entscheidungstraining“. Das setzt perfide Verunsicherungsstrategien voraus: „Sie haben viel erlebt, Sie haben viel verpasst“, suggeriert die teilnahmslos freundliche Operator-Stimme und schaltet zum Beweis in eine Live-Konferenz mit anonymen Mitspielern. Die sind in Venedig mit der Gondel gekentert, wurden von einem Flüchtlingsschiff gerettet oder mit Selbstmordoptionen konfrontiert, die allesamt „sehr fürsorglich“ durchdacht waren („Wenn Sie bei ihrer Beerdigung ‚Candle in the wind’ hören möchten…“).
Natürlich übersetzt „Callcenter Übermorgen“ auch moralische Fallhöhen in konsequenzvermindertes Spiel. Wer offensive Kritik an der Dienstleistungsgesellschaft erwartet, sollte den Telefonhörer nicht abnehmen. Allerdings wird man auf der unterhaltsamen Reise durch „Callcenter Übermorgen“ immer von dem Gefühl begleitet, dass sich das System bestens amüsiert. Und das ist überhaupt nicht lustig.
(Anja Quickert, Theater heute, Ausgabe September 2013)

O-Ton: “Hallo, herzlich willkommen. Suchen Sie sich einen freien Platz mit einem freien Telefon.”Deutschlandfunk: Der Theatersaal ist durch weiße Jalousien in Kabinen aufgeteilt. Platzanweiser zeigen den Zuschauern den Weg zum nächsten freien Telefon. Dann geht es los.O-Ton: “Herzlich willkommen bei Audio Travel. Wohin möchten Sie reisen? Für den sonnigen Süden wählen Sie die Eins, für die Alpen wählen Sie die Zwei.”Deutschlandfunk: Da jeder Zuschauer für sich entscheidet, erlebt auch jeder ein anderes Stück. Jeder Tastendruck führt zu neuen Alternativen.O-Ton: “Was möchten Sie erleben? Für eine Gondelfahrt in Venedig wählen Sie die Eins, für einen Maultierritt über die Pyrenäen die Zwei.”Nina Tecklenburg: „Anders als im üblichen Callcenter haben wir ein utopisches Callcenter gebaut. Es ist ein künstlerisch inszeniertes Callcenter, in dem wir bestimmte Mechanismen von nicht nur Callcentern, sondern auch Telefonwarteschleifen verwenden, aber unerwartete Dateien einspeisen.“Deutschlandfunk: Im “Callcenter Übermorgen” gibt es nicht nur einen singenden Gondoliere, sondern auch sprechende Maultiere, Gangster und Teufel, die die Besucher in der Hölle begrüßen.Nina Tecklenburg: “Wir nennen das auch eine interaktive Hörspielinstallationsperformance, also es ist ein Kunstmix aus verschiedenen Kunstformen. Auf der installativen Ebene ist es uns ganz wichtig, dass wir einerseits diese Vereinzelung haben, die Leute sitzen in diesen Kabinen, die mit vier Jalousien um einen herum zu sind, und gleichzeitig gehen wir zwischendurch rum und machen diese Räume auf und schaffen dadurch Blickachsen und temporäre Gemeinschaften, die wieder auseinanderfallen. Das heißt auf der Hörebene und auch auf der visuellen Ebene hat man diesen Aufbau und Zerfall von Gemeinschaften, die Erfahrungen miteinander teilen, aber dann sich auch wieder separieren und jeder geht in seine eigene Welt und füllt diese Schnipsel, die einem angeboten werden in diesem Sprachmenü, mit seinen eigenen Fantasien auf.”Deutschlandfunk: Nina Tecklenburg hat das Stück gemeinsam mit Till Müller-Klug inszeniert. Die beiden sind Gründer der Gruppe Interrobang, die vor allem Zukunftsentwicklungen künstlerisch erforschen will.Till Müller-Klug: “Es gibt das Reenactement, da schaut man in die Vergangenheit. Da werden historische Schlachten nachgespielt oder berühmte Performances von Marina Abramovic. Das ist natürlich sehr rückwärtsgewandt. Da haben wir gedacht: wie ist es, wenn man das einfach mal umdreht und statt ein Reenactment ein Preenactment macht, also nach vorne schaut in die Zukunft. Das ist diese Vorgehensweise, dass wir uns Entwicklungen der Gegenwart nehmen, die aber zuspitzen, radikalisieren, weiter denken, und damit das dann in die Zukunft hinein preenacten.”O-Ton: “Wollen Sie jetzt den Gondoliere küssen, dann wählen Sie die Eins. Möchten Sie sich in den Kanal stürzen, die Zwei. Möchten Sie einfach weiterfahren, die Drei.”
Till Müller-Klug: “In den späteren Levels kommen die existenzielleren Dimensionen zum Tragen, die dunklen Dimensionen, wo man mit dem Tod konfrontiert wird und dann halt Leute auch sterben und in den Himmel kommen.”

Nina Tecklenburg: “Man kommt dann in große Konferenzräume, wo es ein kleines philosophisches Intro gibt und kann dann darüber diskutieren. Man kann auch zwischen den Konferenzräumen wechseln und hat auch hier die Wahlfreiheit, sich eine eigene Meinung zu generieren oder sie sich von anderen geben zu lassen.”

Deutschlandfunk: Was Nina Tecklenburg als Konferenzräume bezeichnet, sind natürlich auch Telefonschaltungen. Mal wird man mit einzelnen Zuschauern, dann mit ganzen Gruppen verbunden – ein sensibler Moment. Möchte man wirklich mit wildfremden Menschen über das Stück diskutieren?

Nina Tecklenburg: “Diese Momente, wenn man miteinander telefoniert, das spielt ja gerade mit der Scham, die man dabei hat. Auf der anderen Seite bietet das Telefon als Kommunikationsform die Möglichkeit einer Nähe, zu einer fremden Person hat, die man nicht hätte, wenn man der Person gegenüberstehen würde.”

O-Ton: “Du befindest dich im Metalevel. Möchtest du jetzt den Regisseur sprechen und eine Erklärung bekommen, dann wähle die Null. Möchtest du eine eigene Bedeutung generieren, dann wähle die Eins.”

Deutschlandfunk: Die Produktion bietet viel spielerischen Spaß – man bekommt immer wieder Wahlmöglichkeiten angeboten, mit denen man im Traum nie gerechnet hätte – aber es ist auch anstrengend. Nichts läuft von allein. Immer wieder müssen Entscheidungen getroffen werden. Und genau darüber soll man nachdenken.

Till Müller-Klug: “Wie frei bin ich eigentlich in meinen Entscheidungen? Einerseits treffe ich die Entscheidungen für mich selbst und das ist ja auch in unserer Gesellschaft ein hohes Gut, dass man diese Wahlfreiheit/Entscheidungsfreiheit hat, andererseits ist man natürlich ständig abhängig von den Entscheidungen anderer.”

Deutschlandfunk: Und auch das macht das Callcenter der Gruppe Interrobang bewusst. Man wird zwar permanent gefragt, was man möchte, aber letztlich bewegt man sich doch auf vorgegebenen Pfaden. Es kann leicht passieren, dass man an einem Ort landet, an den man gar nicht wollte.

O-Ton: “Game over. Möchten Sie ein Lied für Ihre Trauerfeier auswählen, dann drücken Sie die Null. Möchten Sie eine neue Reise buchen, dann drücken Sie die Eins.”
(Oliver Kranz, Deutschlandfunk, Radiobeitrag vom 07.05.2013)

„Einschmeichelnd geht es zunächst auf Reisen. In den Süden, in die Alpen? Die jeweilige Taste 1 oder 2 ist zu drücken. Und so weiter. Will man auf einem Maultier reiten oder mit ihm sprechen, sich verirren, in der Wüste verdursten? Will man in Venedig in den Kanal springen oder den Gondoliere küssen? Der akustische Potenzdarsteller taucht übrigens später in anderen Rollen und seinen Akzent mitunter vergessend wie- der auf. Was möchte man selbst sein – Mann oder Frau, unbestimmtes Wesen? Was fängt man mit Freiheit an? Sind dunkle Fantasien erwünscht? Erstaunlich wie viele Leute sich laut bekanntgegebener Statistik fürs Finstere entschieden. Haben sie das? Fürs Verenden scheinen jedenfalls einige die Wahltaste gedrückt zu haben, stellt sich bei Gesprächen, die untereinander möglich sind, heraus. Ohne eigene Wahl. Konferenzschaltung. Sie werden verbunden. Das Prinzip »teile und herrsche« wird vom Callcenter-Management bis zum philosophischen Telefon gern benutzt. Warum sind einige zeitweise weg? Wer ist der Unsichtbare, mit dem ich überraschend 150 Tage auf einer Arche verbringen soll? Immerhin können wir uns auf Anfrage für dasselbe Essen entscheiden. Im zeitlichen Limit tauschen wir vermeintliche Weisheiten aus, »blicken« gemeinsam aufs Meer.
Zum Schluss sind wir wohl oder übel ausgeschaltet – und auferstanden in Kabinen. Nichts wie weg. Die Jalousien werden hochgezogen. Es bleibt ein schlichter Raum mit weißen Stühlen, grausig unschuldig wirkend. Das Computerwesen knallte wie beim »Sprachlabor« letztlich durch. Die schönste der Visionen.“
(Lucía Tirado, Neues Deutschland vom 14.05.2013)

„Dieser einsame Theaterabend beginnt harmlos, sogar verheißungsvoll, mit der Frage, ob ich in die Alpen reisen möchte oder lieber in den Süden. Ich drücke auf dem Telefon die Eins für den Süden, reite mit einem Maultier durch die Pyrenäen, werde gefragt, ob jetzt ich eine junge Frau kennen lernen möchte, die sich am Straßenrand den Knöchel massiert oder lieber mit dem Maultier sprechen. Es sind die ersten Fragen eines neunzigminütigen Entscheidungsterrors.
Das Maultier spricht mit mir, in einer Sprache, der ich nicht mächtig bin, wir landen gemeinsam in einer Höhle, ich lasse mich von meinem Reiseleiter retten und in die Alpen bringen, wo ich schließlich aus dem Sessellift stürze und dabei tödlich verunglücke. Aber das alles war meine Entscheidung. Die freie Entscheidung wird hier ad absurdum geführt, sie wird im wahren Sinne vorgeführt. Immer hat man die Wahl und meistens zwischen zwei, drei Möglichkeiten, die man gar nicht will. “Callcenter Übermorgen” ist ein Selbsterfahrungstrip der amüsanten Art. Am Ende sind wir alle tot und der Himmel ist belegt. Sie haben viel erlebt und viel verpasst, tönt es aus dem Hörer.
(Lucy Fricke, Berliner Morgenpost vom 03.06.2013

Und was soll das ganze? Wir sollen darüber nachdenken, ob und wie oft wir im Leben wirklich freie Entscheidungen treffen können. Wie sehr die eine Entscheidung alle folgenden beeinflussen kann. Was geschieht, wenn wir aus einem System ausbrechen wollen. Ob wir das überhaupt können. Auf der unterhaltsamen Telefon-Reise werden immer wieder Stimmen aus Filmklassikern eingespielt. Dann erklärt und plötzlich die Philosophin Hannah Arendt, was es mit der Freiheit und politischem Handeln auf sich hat. Am Schluss heben sich all die Jalousien und man sieht die anderen Gäste von „Callcenter Übermorgen“ – allerdings ohne zu wissen, wer denn diejenigen waren, mit denen man telefoniert hat. Der Denkanstoß scheint gewirkt zu haben, denn erstaunlich viele Besucher diskutieren noch lange nach dem Schlussapplaus miteinander.
(Metropolkultur, 15.05.2013)



Credits


Von und mit Nina Tecklenburg, Till Müller-Klug, Lajos Talamonti Konzeptuelle MitarbeitAndreas Liebmann, Martin Schick Dramaturgie Kaja Jakstat Telefoninstallation Georg Werner Musik und Sound Friedrich Greiling Bühne und Kostüm Sandra Fox LichtdesignDirk Lutz Produktionsleitung Marc Pohl Videodokumentation Gernot Wöltjen AssistenzLisa Großmann Fotos Michael Bennett, Renata Chueire, Nina Tecklenburg

Besonderen Dank an Rubén Jódar, Claude und Juri Peinske

Premiere: Mai 2013 Sophiensæle Berlin.

Eine Koproduktion von Interrobang mit SOPHIENSÆLE. Gefördert aus Mitteln des Hauptstadtkulturfonds.

an den Anfang der Seite