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Über Interrobang - Callcenter Übermorgen




  1. Wenn das System sich amüsiert
    Anja Quickert
    Theater heute, Ausgabe September 2013
    „Wenn Sie in den sonnigen Süden reisen möchten, wählen Sie die Eins. Möchten Sie in die Alpen reisen, wählen Sie die Zwei.“ Mein Ritt durch die karge Berglandschaft der Pyrenäen führt mich und mein Maultier schon nach wenigen Wahlmöglichkeiten in eine Sackgasse: Wir sind in einer Höhle gestrandet, und mein Begleiter – „Wenn Sie mit dem Maultier sprechen möchten, wählen Sie die Zwei“ – blökt mich enthusiastisch an. Jetzt habe ich nur noch zwei Alternativen: Ich helfe einer abgestürzten Segelfliegerin oder verstoße gegen die Grundregel des Theater-Hörspiel „Callcenter Übermorgen“: „Niemals den Telefonhörer auflegen!“
    In den 40 halbtransparenten Einzelkabinen, die das Kollektiv Interrobang wie ein Labyrinth aus frei hängenden weißen Jalousien in den Hochzeitssaal der Sophiensaele installiert hat, sitzt das Publikum am Telefon. Gut 90 Minuten lang wählt es sich via Sprachmenü durch diverse Reiserouten, die in immer abstraktere „Dimensionen“ führen – zu postbiblischen Sintflut-Szenarien („Die Katastrophen von gestern bilden den Kreuzfahrt-Flair von morgen“) oder zum Mord am Mitspieler.Dabei montiert die akustische Reise in erstaunlicher Diskursbandbreite O-Töne von Hannah Arendt, dem Philosophischen Radio oder Blockbuster-Filmen. Die Dienstleistung, die Interrobang in einer „Welt der Suchmaschinen und Auswahlmenüs“ verspricht, heißt „Entscheidungstraining“. Das setzt perfide Verunsicherungsstrategien voraus: „Sie haben viel erlebt, Sie haben viel verpasst“, suggeriert die teilnahmslos freundliche Operator-Stimme und schaltet zum Beweis in eine Live-Konferenz mit anonymen Mitspielern. Die sind in Venedig mit der Gondel gekentert, wurden von einem Flüchtlingsschiff gerettet oder mit Selbstmordoptionen konfrontiert, die allesamt „sehr fürsorglich“ durchdacht waren („Wenn Sie bei ihrer Beerdigung ‚Candle in the wind’ hören möchten…“).
    Am schnellsten lernt man natürlich, dem ‚freien Willen’ zu misstrauen: Zukünftige Liebeabenteuer landen unversehens – und darin nicht ironiefrei – in der Vergangenheit. Nachddem ich zum vierten Mal via Tastatur darauf bestehe, dem ominösen Mann an der Bar erotisch zu begegnen, weist ich die Operator-Stimme harsch zurecht: „So, das reicht jetzt, wähl die Null!“, und erklingt zur Strafe ein Vortrag über die fortschreitende Intimisierung von Liebesobjekten in Zeiten der Postsexualität – jede Erotik stirbt mit dem Geheimnis des anderen. Derart verunsichert, kann ich mich zwischen Dantes Höllenkreisen in der übernächsten Dimension erst einmal gar nicht entscheiden. Mein halbherziges „Eigentlich wollte ich den Kapitalismus abschaffen“-Schuldbekenntnis (und wahrscheinlich jedes andere) leitet der programmierte Jenseitsführer direkt in den dritten Höllenkreis der Völlerei um: Ich sitze neben Cerberus im Schlachthof und höre, wie Schweine in Todesangst schreiben.
    Natürlich übersetzt „Callcenter Übermorgen“ auch moralische Fallhöhen in konsequenzvermindertes Spiel. Wer offensive Kritik an der Dienstleistungsgesellschaft erwartet, sollte den Telefonhörer nicht abnehmen. Allerdings wird man auf der unterhaltsamen Reise durch „Callcenter Übermorgen“ immer von dem Gefühl begleitet, dass sich das System bestens amüsiert. Und das ist überhaupt nicht lustig.
  1. …dann wähle die Eins
    Oliver Kranz
    Deutschlandfunk, Radiobeitrag vom 07.05.2013
    O-Ton: “Hallo, herzlich willkommen. Suchen Sie sich einen freien Platz mit einem freien Telefon.”Deutschlandfunk: Der Theatersaal ist durch weiße Jalousien in Kabinen aufgeteilt. Platzanweiser zeigen den Zuschauern den Weg zum nächsten freien Telefon. Dann geht es los.O-Ton: “Herzlich willkommen bei Audio Travel. Wohin möchten Sie reisen? Für den sonnigen Süden wählen Sie die Eins, für die Alpen wählen Sie die Zwei.”Deutschlandfunk: Da jeder Zuschauer für sich entscheidet, erlebt auch jeder ein anderes Stück. Jeder Tastendruck führt zu neuen Alternativen.O-Ton: “Was möchten Sie erleben? Für eine Gondelfahrt in Venedig wählen Sie die Eins, für einen Maultierritt über die Pyrenäen die Zwei.”Nina Tecklenburg: „Anders als im üblichen Callcenter haben wir ein utopisches Callcenter gebaut. Es ist ein künstlerisch inszeniertes Callcenter, in dem wir bestimmte Mechanismen von nicht nur Callcentern, sondern auch Telefonwarteschleifen verwenden, aber unerwartete Dateien einspeisen.“Deutschlandfunk: Im “Callcenter Übermorgen” gibt es nicht nur einen singenden Gondoliere, sondern auch sprechende Maultiere, Gangster und Teufel, die die Besucher in der Hölle begrüßen.Nina Tecklenburg: “Wir nennen das auch eine interaktive Hörspielinstallationsperformance, also es ist ein Kunstmix aus verschiedenen Kunstformen. Auf der installativen Ebene ist es uns ganz wichtig, dass wir einerseits diese Vereinzelung haben, die Leute sitzen in diesen Kabinen, die mit vier Jalousien um einen herum zu sind, und gleichzeitig gehen wir zwischendurch rum und machen diese Räume auf und schaffen dadurch Blickachsen und temporäre Gemeinschaften, die wieder auseinanderfallen. Das heißt auf der Hörebene und auch auf der visuellen Ebene hat man diesen Aufbau und Zerfall von Gemeinschaften, die Erfahrungen miteinander teilen, aber dann sich auch wieder separieren und jeder geht in seine eigene Welt und füllt diese Schnipsel, die einem angeboten werden in diesem Sprachmenü, mit seinen eigenen Fantasien auf.”Deutschlandfunk: Nina Tecklenburg hat das Stück gemeinsam mit Till Müller-Klug inszeniert. Die beiden sind Gründer der Gruppe Interrobang, die vor allem Zukunftsentwicklungen künstlerisch erforschen will.Till Müller-Klug: “Es gibt das Reenactement, da schaut man in die Vergangenheit. Da werden historische Schlachten nachgespielt oder berühmte Performances von Marina Abramovic. Das ist natürlich sehr rückwärtsgewandt. Da haben wir gedacht: wie ist es, wenn man das einfach mal umdreht und statt ein Reenactment ein Preenactment macht, also nach vorne schaut in die Zukunft. Das ist diese Vorgehensweise, dass wir uns Entwicklungen der Gegenwart nehmen, die aber zuspitzen, radikalisieren, weiter denken, und damit das dann in die Zukunft hinein preenacten.”

    O-Ton: “Wollen Sie jetzt den Gondoliere küssen, dann wählen Sie die Eins. Möchten Sie sich in den Kanal stürzen, die Zwei. Möchten Sie einfach weiterfahren, die Drei.”
    Till Müller-Klug: “In den späteren Levels kommen die existenzielleren Dimensionen zum Tragen, die dunklen Dimensionen, wo man mit dem Tod konfrontiert wird und dann halt Leute auch sterben und in den Himmel kommen.”

    Nina Tecklenburg: “Man kommt dann in große Konferenzräume, wo es ein kleines philosophisches Intro gibt und kann dann darüber diskutieren. Man kann auch zwischen den Konferenzräumen wechseln und hat auch hier die Wahlfreiheit, sich eine eigene Meinung zu generieren oder sie sich von anderen geben zu lassen.”

    Deutschlandfunk: Was Nina Tecklenburg als Konferenzräume bezeichnet, sind natürlich auch Telefonschaltungen. Mal wird man mit einzelnen Zuschauern, dann mit ganzen Gruppen verbunden – ein sensibler Moment. Möchte man wirklich mit wildfremden Menschen über das Stück diskutieren?

    Nina Tecklenburg: “Diese Momente, wenn man miteinander telefoniert, das spielt ja gerade mit der Scham, die man dabei hat. Auf der anderen Seite bietet das Telefon als Kommunikationsform die Möglichkeit einer Nähe, zu einer fremden Person hat, die man nicht hätte, wenn man der Person gegenüberstehen würde.”

    O-Ton: “Du befindest dich im Metalevel. Möchtest du jetzt den Regisseur sprechen und eine Erklärung bekommen, dann wähle die Null. Möchtest du eine eigene Bedeutung generieren, dann wähle die Eins.”

    Deutschlandfunk: Die Produktion bietet viel spielerischen Spaß – man bekommt immer wieder Wahlmöglichkeiten angeboten, mit denen man im Traum nie gerechnet hätte – aber es ist auch anstrengend. Nichts läuft von allein. Immer wieder müssen Entscheidungen getroffen werden. Und genau darüber soll man nachdenken.

    Till Müller-Klug: “Wie frei bin ich eigentlich in meinen Entscheidungen? Einerseits treffe ich die Entscheidungen für mich selbst und das ist ja auch in unserer Gesellschaft ein hohes Gut, dass man diese Wahlfreiheit/Entscheidungsfreiheit hat, andererseits ist man natürlich ständig abhängig von den Entscheidungen anderer.”

    Deutschlandfunk: Und auch das macht das Callcenter der Gruppe Interrobang bewusst. Man wird zwar permanent gefragt, was man möchte, aber letztlich bewegt man sich doch auf vorgegebenen Pfaden. Es kann leicht passieren, dass man an einem Ort landet, an den man gar nicht wollte.

    O-Ton: “Game over. Möchten Sie ein Lied für Ihre Trauerfeier auswählen, dann drücken Sie die Null. Möchten Sie eine neue Reise buchen, dann drücken Sie die Eins.”

  1. Auferstanden in Kabinen
    Lucía Tirado
    Neues Deutschland vom 14.05.2013
    Da bin ich wieder. Reinkarniert. Zum Glück tauchte ich neu auf, wie ich vorher war – um eine Erfahrung reicher. War ja nur Theater. Im Himmel gab es kein Unterkommen. In der Hölle auch nicht. Selbst im von mir favorisierten Höllenkreis »Du wolltest den Kapitalismus abschaffen, hattest aber keine Zeit oder gerade etwas anderes vor« oder so fand sich keine adäquate Qual. Alles endete also scheinbar harmlos, wie es begann, mit »Callcenter Übermorgen« in den Sophiensaelen.
    Gemeinsam mit Nina Tecklenburg, Lajos Talamonti, Andreas Liebmann und Martin Schick brachte Till Müller- Klug die neue Produktion heraus. Es ist das zweite Projekt, das in der Künstlergruppe Interrobang entstand, um exemplarisch Gegenwartsphänomene zu untersuchen und sie in Performance- und Theaterart in die Zukunft fortzuschreiben.
    […]
    Einschmeichelnd geht es zunächst auf Reisen. In den Süden, in die Alpen? Die jeweilige Taste 1 oder 2 ist zu drücken. Und so weiter. Will man auf einem Maultier reiten oder mit ihm sprechen, sich verirren, in der Wüste verdursten? Will man in Venedig in den Kanal springen oder den Gondoliere küssen? Der akustische Potenzdarsteller taucht übrigens später in anderen Rollen und seinen Akzent mitunter vergessend wie- der auf. Was möchte man selbst sein – Mann oder Frau, unbestimmtes Wesen? Was fängt man mit Freiheit an? Sind dunkle Fantasien erwünscht? Erstaunlich wie viele Leute sich laut bekanntgegebener Statistik fürs Finstere entschieden. Haben sie das? Fürs Verenden scheinen jedenfalls einige die Wahltaste gedrückt zu haben, stellt sich bei Gesprächen, die untereinander möglich sind, heraus. Ohne eigene Wahl. Konferenzschaltung. Sie werden verbunden. Das Prinzip »teile und herrsche« wird vom Callcenter-Management bis zum philosophischen Telefon gern benutzt. Warum sind einige zeitweise weg? Wer ist der Unsichtbare, mit dem ich überraschend 150 Tage auf einer Arche verbringen soll? Immerhin können wir uns auf Anfrage für dasselbe Essen entscheiden. Im zeitlichen Limit tauschen wir vermeintliche Weisheiten aus, »blicken« gemeinsam aufs Meer.
    Zum Schluss sind wir wohl oder übel ausgeschaltet – und auferstanden in Kabinen. Nichts wie weg. Die Jalousien werden hochgezogen. Es bleibt ein schlichter Raum mit weißen Stühlen, grausig unschuldig wirkend. Das Computerwesen knallte wie beim »Sprachlabor« letztlich durch. Die schönste der Visionen.
  1. Die Arbeit – und das ungesunde Verhältnis dazu
    Lucy Fricke
    Berliner Morgenpost vom 03.06.2013
    […]
    Die Sophiensäle machen aus der Selbsterfahrung gleich ein ganzes Stück. Die Bühne wurde mit Hilfe von weißen Jalousien in Dutzende kleine Kabinen aufgeteilt, die Schauspieler bekommt man kaum zu Gesicht. “Callcenter Übermorgen” von der Künstlergruppe Interrobang ist eine interaktive Hörspielperformance. Ich sitze in der kleinen, verschlossenen Kabine, den Telefonhörer am Ohr. Dieser einsame Theaterabend beginnt harmlos, sogar verheißungsvoll, mit der Frage, ob ich in die Alpen reisen möchte oder lieber in den Süden. Ich drücke auf dem Telefon die Eins für den Süden, reite mit einem Maultier durch die Pyrenäen, werde gefragt, ob jetzt ich eine junge Frau kennen lernen möchte, die sich am Straßenrand den Knöchel massiert oder lieber mit dem Maultier sprechen. Es sind die ersten Fragen eines neunzigminütigen Entscheidungsterrors.
    Das Maultier spricht mit mir, in einer Sprache, der ich nicht mächtig bin, wir landen gemeinsam in einer Höhle, ich lasse mich von meinem Reiseleiter retten und in die Alpen bringen, wo ich schließlich aus dem Sessellift stürze und dabei tödlich verunglücke. Aber das alles war meine Entscheidung. Die freie Entscheidung wird hier ad absurdum geführt, sie wird im wahren Sinne vorgeführt. Immer hat man die Wahl und meistens zwischen zwei, drei Möglichkeiten, die man gar nicht will. “Callcenter Übermorgen” ist ein Selbsterfahrungstrip der amüsanten Art. Am Ende sind wir alle tot und der Himmel ist belegt. Sie haben viel erlebt und viel verpasst, tönt es aus dem Hörer.
  1. Aus einer Gondel springen, eine Kuhgeburt beobachten, über die Freiheit reden
    Metropolkultur, 15.05.2013
    […]
    Und was soll das ganze? Wir sollen darüber nachdenken, ob und wie oft wir im Leben wirklich freie Entscheidungen treffen können. Wie sehr die eine Entscheidung alle folgenden beeinflussen kann. Was geschieht, wenn wir aus einem System ausbrechen wollen. Ob wir das überhaupt können. Auf der unterhaltsamen Telefon-Reise werden immer wieder Stimmen aus Filmklassikern eingespielt. Dann erklärt und plötzlich die Philosophin Hannah Arendt, was es mit der Freiheit und politischem Handeln auf sich hat. Am Schluss heben sich all die Jalousien und man sieht die anderen Gäste von „Callcenter Übermorgen“ – allerdings ohne zu wissen, wer denn diejenigen waren, mit denen man telefoniert hat. Der Denkanstoß scheint gewirkt zu haben, denn erstaunlich viele Besucher diskutieren noch lange nach dem Schlussapplaus miteinander.

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