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Presse


Die Müllermatrix

  1. Heiner Müller als Cyborg
    Julia Bickel,
    taz
    „Eine künstliche Heiner-Müller-Intelligenz, unsterblich und gefangen im System, scheint mit einem zu sprechen. „Wie wollen wir anfangen? Mit dem Theater, dann wähle die 1. Mit der Festung Europas, dann wähle die 2. Oder mit der Ökonomie, dann wähle die 3.“ Befremdlich und faszinierend ist diese Form der Kommunikation.[…] “
  1. Ich glaube an Konflikt. Sonst glaube ich an nichts.
    Berliner Morgenpost
    „Heiner Müller zeichneten ein leiser Humor und die Vorliebe zum klassischen Witz aus. Mit Sicherheit hätte er an der Installation Die Müllermatrix von Interrobang seine helle Freude gehabt. Per Telefon kann sich das Publikum mit einem Müller-Cyborg unterhalten.“
  1. Sankt Heiner lebt im Telefon und trägt Fummel.
    Gerd Brendel
    Deutschland Radio Kultur
    „Heiner Müller als nicht tot zu kriegendes Gespenst“
  1. Kunst und Technologie werden zur Performance-Maschine
    Cindy Michel,
    Wired
    “Die Installation erinnert an eine Verhörsituation oder einen Gefängnisbesuch, nur fehlt der Mensch, der einem dabei gegenüber säße. In der Müllermatrix besetzt eine Figur namens Müller diese Leerstelle, die aus dem Telefon zu ihrem Zuhörer spricht.[…]
    Die Kunstfigur Müller, die da zu einem aus dem Telefon spricht, weiß, dass sie kein Mensch ist, „sondern eine Menschmaschine. Eine künstliche Telefonintelligenz“. Die Stimme ist die, des 1995 verstorbenen Dramatikers Heiner Müller. Aus über 185 Audiofiles, die zwischen zwei und 45 Minuten lang sind, hat die Performance-Gruppe Interrobang die Müllermatrix geschaffen. „In ihr lassen wir Heiner Müller als Telefoncyborg wieder auferstehen: eine von uns künstlich geschaffene Figur namens Herr Müller spricht gespenstisch mit der Stimme des toten Heiner Müllers über unsere Gegenwart“, erklärt Konzepterin und Realisatorin Nina Tecklenburg.[…] Der Zuhörer entscheidet, wovon Müller sprechen soll. Je nach Tastenwahl geht es um das Theater, die Ökonomie oder die Festung Europa. Mal sind es komplizierte Thesen Heiner Müllers, mal von Interrobang montierte Sätze. Dann schlägt das Einbahnstraßentelefonat aber auch immer wieder in Plauderpassagen um, Müller erzählt Anekdoten oder fragt, ob der Zuhörer nicht mal eine Zigarrenpause machen wolle.[…]
    Interrobang verbirgt weder Schnittstellen, noch die verschiedenen Qualitäten der Audioaufnahmen. […] Immer wieder wird Müller auf den Übergang von Mensch zu Maschine verweisen und letztlich die ultimative These aufstellen: „Man muss irgendwann begreifen, dass nur die Kunstwerke, die auch technologisch auf der Höhe sind, politisch was bewirken können.“


Diese Webseite wird derzeitig überarbeitet…


Callcenter Übermorgen

  1. Wenn das System sich amüsiert
    Anja Quickert
    Theater heute, Ausgabe September 2013
    „Wenn Sie in den sonnigen Süden reisen möchten, wählen Sie die Eins. Möchten Sie in die Alpen reisen, wählen Sie die Zwei.“ Mein Ritt durch die karge Berglandschaft der Pyrenäen führt mich und mein Maultier schon nach wenigen Wahlmöglichkeiten in eine Sackgasse: Wir sind in einer Höhle gestrandet, und mein Begleiter – „Wenn Sie mit dem Maultier sprechen möchten, wählen Sie die Zwei“ – blökt mich enthusiastisch an. Jetzt habe ich nur noch zwei Alternativen: Ich helfe einer abgestürzten Segelfliegerin oder verstoße gegen die Grundregel des Theater-Hörspiel „Callcenter Übermorgen“: „Niemals den Telefonhörer auflegen!“
    In den 40 halbtransparenten Einzelkabinen, die das Kollektiv Interrobang wie ein Labyrinth aus frei hängenden weißen Jalousien in den Hochzeitssaal der Sophiensaele installiert hat, sitzt das Publikum am Telefon. Gut 90 Minuten lang wählt es sich via Sprachmenü durch diverse Reiserouten, die in immer abstraktere „Dimensionen“ führen – zu postbiblischen Sintflut-Szenarien („Die Katastrophen von gestern bilden den Kreuzfahrt-Flair von morgen“) oder zum Mord am Mitspieler.Dabei montiert die akustische Reise in erstaunlicher Diskursbandbreite O-Töne von Hannah Arendt, dem Philosophischen Radio oder Blockbuster-Filmen. Die Dienstleistung, die Interrobang in einer „Welt der Suchmaschinen und Auswahlmenüs“ verspricht, heißt „Entscheidungstraining“. Das setzt perfide Verunsicherungsstrategien voraus: „Sie haben viel erlebt, Sie haben viel verpasst“, suggeriert die teilnahmslos freundliche Operator-Stimme und schaltet zum Beweis in eine Live-Konferenz mit anonymen Mitspielern. Die sind in Venedig mit der Gondel gekentert, wurden von einem Flüchtlingsschiff gerettet oder mit Selbstmordoptionen konfrontiert, die allesamt „sehr fürsorglich“ durchdacht waren („Wenn Sie bei ihrer Beerdigung ‚Candle in the wind’ hören möchten…“).
    Am schnellsten lernt man natürlich, dem ‚freien Willen’ zu misstrauen: Zukünftige Liebeabenteuer landen unversehens – und darin nicht ironiefrei – in der Vergangenheit. Nachddem ich zum vierten Mal via Tastatur darauf bestehe, dem ominösen Mann an der Bar erotisch zu begegnen, weist ich die Operator-Stimme harsch zurecht: „So, das reicht jetzt, wähl die Null!“, und erklingt zur Strafe ein Vortrag über die fortschreitende Intimisierung von Liebesobjekten in Zeiten der Postsexualität – jede Erotik stirbt mit dem Geheimnis des anderen. Derart verunsichert, kann ich mich zwischen Dantes Höllenkreisen in der übernächsten Dimension erst einmal gar nicht entscheiden. Mein halbherziges „Eigentlich wollte ich den Kapitalismus abschaffen“-Schuldbekenntnis (und wahrscheinlich jedes andere) leitet der programmierte Jenseitsführer direkt in den dritten Höllenkreis der Völlerei um: Ich sitze neben Cerberus im Schlachthof und höre, wie Schweine in Todesangst schreiben.
    Natürlich übersetzt „Callcenter Übermorgen“ auch moralische Fallhöhen in konsequenzvermindertes Spiel. Wer offensive Kritik an der Dienstleistungsgesellschaft erwartet, sollte den Telefonhörer nicht abnehmen. Allerdings wird man auf der unterhaltsamen Reise durch „Callcenter Übermorgen“ immer von dem Gefühl begleitet, dass sich das System bestens amüsiert. Und das ist überhaupt nicht lustig.
  1. …dann wähle die Eins
    Oliver Kranz
    Deutschlandfunk, Radiobeitrag vom 07.05.2013
    O-Ton: “Hallo, herzlich willkommen. Suchen Sie sich einen freien Platz mit einem freien Telefon.”Deutschlandfunk: Der Theatersaal ist durch weiße Jalousien in Kabinen aufgeteilt. Platzanweiser zeigen den Zuschauern den Weg zum nächsten freien Telefon. Dann geht es los.O-Ton: “Herzlich willkommen bei Audio Travel. Wohin möchten Sie reisen? Für den sonnigen Süden wählen Sie die Eins, für die Alpen wählen Sie die Zwei.”Deutschlandfunk: Da jeder Zuschauer für sich entscheidet, erlebt auch jeder ein anderes Stück. Jeder Tastendruck führt zu neuen Alternativen.O-Ton: “Was möchten Sie erleben? Für eine Gondelfahrt in Venedig wählen Sie die Eins, für einen Maultierritt über die Pyrenäen die Zwei.”Nina Tecklenburg: „Anders als im üblichen Callcenter haben wir ein utopisches Callcenter gebaut. Es ist ein künstlerisch inszeniertes Callcenter, in dem wir bestimmte Mechanismen von nicht nur Callcentern, sondern auch Telefonwarteschleifen verwenden, aber unerwartete Dateien einspeisen.“Deutschlandfunk: Im “Callcenter Übermorgen” gibt es nicht nur einen singenden Gondoliere, sondern auch sprechende Maultiere, Gangster und Teufel, die die Besucher in der Hölle begrüßen.Nina Tecklenburg: “Wir nennen das auch eine interaktive Hörspielinstallationsperformance, also es ist ein Kunstmix aus verschiedenen Kunstformen. Auf der installativen Ebene ist es uns ganz wichtig, dass wir einerseits diese Vereinzelung haben, die Leute sitzen in diesen Kabinen, die mit vier Jalousien um einen herum zu sind, und gleichzeitig gehen wir zwischendurch rum und machen diese Räume auf und schaffen dadurch Blickachsen und temporäre Gemeinschaften, die wieder auseinanderfallen. Das heißt auf der Hörebene und auch auf der visuellen Ebene hat man diesen Aufbau und Zerfall von Gemeinschaften, die Erfahrungen miteinander teilen, aber dann sich auch wieder separieren und jeder geht in seine eigene Welt und füllt diese Schnipsel, die einem angeboten werden in diesem Sprachmenü, mit seinen eigenen Fantasien auf.”Deutschlandfunk: Nina Tecklenburg hat das Stück gemeinsam mit Till Müller-Klug inszeniert. Die beiden sind Gründer der Gruppe Interrobang, die vor allem Zukunftsentwicklungen künstlerisch erforschen will.Till Müller-Klug: “Es gibt das Reenactement, da schaut man in die Vergangenheit. Da werden historische Schlachten nachgespielt oder berühmte Performances von Marina Abramovic. Das ist natürlich sehr rückwärtsgewandt. Da haben wir gedacht: wie ist es, wenn man das einfach mal umdreht und statt ein Reenactment ein Preenactment macht, also nach vorne schaut in die Zukunft. Das ist diese Vorgehensweise, dass wir uns Entwicklungen der Gegenwart nehmen, die aber zuspitzen, radikalisieren, weiter denken, und damit das dann in die Zukunft hinein preenacten.”

    O-Ton: “Wollen Sie jetzt den Gondoliere küssen, dann wählen Sie die Eins. Möchten Sie sich in den Kanal stürzen, die Zwei. Möchten Sie einfach weiterfahren, die Drei.”
    Till Müller-Klug: “In den späteren Levels kommen die existenzielleren Dimensionen zum Tragen, die dunklen Dimensionen, wo man mit dem Tod konfrontiert wird und dann halt Leute auch sterben und in den Himmel kommen.”

    Nina Tecklenburg: “Man kommt dann in große Konferenzräume, wo es ein kleines philosophisches Intro gibt und kann dann darüber diskutieren. Man kann auch zwischen den Konferenzräumen wechseln und hat auch hier die Wahlfreiheit, sich eine eigene Meinung zu generieren oder sie sich von anderen geben zu lassen.”

    Deutschlandfunk: Was Nina Tecklenburg als Konferenzräume bezeichnet, sind natürlich auch Telefonschaltungen. Mal wird man mit einzelnen Zuschauern, dann mit ganzen Gruppen verbunden – ein sensibler Moment. Möchte man wirklich mit wildfremden Menschen über das Stück diskutieren?

    Nina Tecklenburg: “Diese Momente, wenn man miteinander telefoniert, das spielt ja gerade mit der Scham, die man dabei hat. Auf der anderen Seite bietet das Telefon als Kommunikationsform die Möglichkeit einer Nähe, zu einer fremden Person hat, die man nicht hätte, wenn man der Person gegenüberstehen würde.”

    O-Ton: “Du befindest dich im Metalevel. Möchtest du jetzt den Regisseur sprechen und eine Erklärung bekommen, dann wähle die Null. Möchtest du eine eigene Bedeutung generieren, dann wähle die Eins.”

    Deutschlandfunk: Die Produktion bietet viel spielerischen Spaß – man bekommt immer wieder Wahlmöglichkeiten angeboten, mit denen man im Traum nie gerechnet hätte – aber es ist auch anstrengend. Nichts läuft von allein. Immer wieder müssen Entscheidungen getroffen werden. Und genau darüber soll man nachdenken.

    Till Müller-Klug: “Wie frei bin ich eigentlich in meinen Entscheidungen? Einerseits treffe ich die Entscheidungen für mich selbst und das ist ja auch in unserer Gesellschaft ein hohes Gut, dass man diese Wahlfreiheit/Entscheidungsfreiheit hat, andererseits ist man natürlich ständig abhängig von den Entscheidungen anderer.”

    Deutschlandfunk: Und auch das macht das Callcenter der Gruppe Interrobang bewusst. Man wird zwar permanent gefragt, was man möchte, aber letztlich bewegt man sich doch auf vorgegebenen Pfaden. Es kann leicht passieren, dass man an einem Ort landet, an den man gar nicht wollte.

    O-Ton: “Game over. Möchten Sie ein Lied für Ihre Trauerfeier auswählen, dann drücken Sie die Null. Möchten Sie eine neue Reise buchen, dann drücken Sie die Eins.”

  1. Auferstanden in Kabinen
    Lucía Tirado
    Neues Deutschland vom 14.05.2013
    Da bin ich wieder. Reinkarniert. Zum Glück tauchte ich neu auf, wie ich vorher war – um eine Erfahrung reicher. War ja nur Theater. Im Himmel gab es kein Unterkommen. In der Hölle auch nicht. Selbst im von mir favorisierten Höllenkreis »Du wolltest den Kapitalismus abschaffen, hattest aber keine Zeit oder gerade etwas anderes vor« oder so fand sich keine adäquate Qual. Alles endete also scheinbar harmlos, wie es begann, mit »Callcenter Übermorgen« in den Sophiensaelen.
    Gemeinsam mit Nina Tecklenburg, Lajos Talamonti, Andreas Liebmann und Martin Schick brachte Till Müller- Klug die neue Produktion heraus. Es ist das zweite Projekt, das in der Künstlergruppe Interrobang entstand, um exemplarisch Gegenwartsphänomene zu untersuchen und sie in Performance- und Theaterart in die Zukunft fortzuschreiben.
    […]
    Einschmeichelnd geht es zunächst auf Reisen. In den Süden, in die Alpen? Die jeweilige Taste 1 oder 2 ist zu drücken. Und so weiter. Will man auf einem Maultier reiten oder mit ihm sprechen, sich verirren, in der Wüste verdursten? Will man in Venedig in den Kanal springen oder den Gondoliere küssen? Der akustische Potenzdarsteller taucht übrigens später in anderen Rollen und seinen Akzent mitunter vergessend wie- der auf. Was möchte man selbst sein – Mann oder Frau, unbestimmtes Wesen? Was fängt man mit Freiheit an? Sind dunkle Fantasien erwünscht? Erstaunlich wie viele Leute sich laut bekanntgegebener Statistik fürs Finstere entschieden. Haben sie das? Fürs Verenden scheinen jedenfalls einige die Wahltaste gedrückt zu haben, stellt sich bei Gesprächen, die untereinander möglich sind, heraus. Ohne eigene Wahl. Konferenzschaltung. Sie werden verbunden. Das Prinzip »teile und herrsche« wird vom Callcenter-Management bis zum philosophischen Telefon gern benutzt. Warum sind einige zeitweise weg? Wer ist der Unsichtbare, mit dem ich überraschend 150 Tage auf einer Arche verbringen soll? Immerhin können wir uns auf Anfrage für dasselbe Essen entscheiden. Im zeitlichen Limit tauschen wir vermeintliche Weisheiten aus, »blicken« gemeinsam aufs Meer.
    Zum Schluss sind wir wohl oder übel ausgeschaltet – und auferstanden in Kabinen. Nichts wie weg. Die Jalousien werden hochgezogen. Es bleibt ein schlichter Raum mit weißen Stühlen, grausig unschuldig wirkend. Das Computerwesen knallte wie beim »Sprachlabor« letztlich durch. Die schönste der Visionen.
  1. Die Arbeit – und das ungesunde Verhältnis dazu
    Lucy Fricke
    Berliner Morgenpost vom 03.06.2013
    […]
    Die Sophiensäle machen aus der Selbsterfahrung gleich ein ganzes Stück. Die Bühne wurde mit Hilfe von weißen Jalousien in Dutzende kleine Kabinen aufgeteilt, die Schauspieler bekommt man kaum zu Gesicht. “Callcenter Übermorgen” von der Künstlergruppe Interrobang ist eine interaktive Hörspielperformance. Ich sitze in der kleinen, verschlossenen Kabine, den Telefonhörer am Ohr. Dieser einsame Theaterabend beginnt harmlos, sogar verheißungsvoll, mit der Frage, ob ich in die Alpen reisen möchte oder lieber in den Süden. Ich drücke auf dem Telefon die Eins für den Süden, reite mit einem Maultier durch die Pyrenäen, werde gefragt, ob jetzt ich eine junge Frau kennen lernen möchte, die sich am Straßenrand den Knöchel massiert oder lieber mit dem Maultier sprechen. Es sind die ersten Fragen eines neunzigminütigen Entscheidungsterrors.
    Das Maultier spricht mit mir, in einer Sprache, der ich nicht mächtig bin, wir landen gemeinsam in einer Höhle, ich lasse mich von meinem Reiseleiter retten und in die Alpen bringen, wo ich schließlich aus dem Sessellift stürze und dabei tödlich verunglücke. Aber das alles war meine Entscheidung. Die freie Entscheidung wird hier ad absurdum geführt, sie wird im wahren Sinne vorgeführt. Immer hat man die Wahl und meistens zwischen zwei, drei Möglichkeiten, die man gar nicht will. “Callcenter Übermorgen” ist ein Selbsterfahrungstrip der amüsanten Art. Am Ende sind wir alle tot und der Himmel ist belegt. Sie haben viel erlebt und viel verpasst, tönt es aus dem Hörer.
  1. Aus einer Gondel springen, eine Kuhgeburt beobachten, über die Freiheit reden
    Metropolkultur, 15.05.2013
    […]
    Und was soll das ganze? Wir sollen darüber nachdenken, ob und wie oft wir im Leben wirklich freie Entscheidungen treffen können. Wie sehr die eine Entscheidung alle folgenden beeinflussen kann. Was geschieht, wenn wir aus einem System ausbrechen wollen. Ob wir das überhaupt können. Auf der unterhaltsamen Telefon-Reise werden immer wieder Stimmen aus Filmklassikern eingespielt. Dann erklärt und plötzlich die Philosophin Hannah Arendt, was es mit der Freiheit und politischem Handeln auf sich hat. Am Schluss heben sich all die Jalousien und man sieht die anderen Gäste von „Callcenter Übermorgen“ – allerdings ohne zu wissen, wer denn diejenigen waren, mit denen man telefoniert hat. Der Denkanstoß scheint gewirkt zu haben, denn erstaunlich viele Besucher diskutieren noch lange nach dem Schlussapplaus miteinander.


Sprachlabor Babylon

  1. Man braucht’s vom Lebendigen
    Lucía Tirado
    Neues Deutschland vom 13.11.2012
    Auch ohne blühende Zukunft wird uns einiges blühen. Künstler fühlen das auf subtile Art vor. Auf hohem Niveau ist dafür das Format Performance perfekt geeignet. Mit ihm schuf die in verschiedenen Konstellationen agierende Gruppe Interrobang mit Till Müller-Klug und Nina Tecklenburg das »Sprachlabor Babylon« als ersten Teil einer Preenactment-Reihe in einer von Bundeskulturstiftung und Senat geförderten Doppelpasspartnerschaft mit den Sophiensaelen.
    Interrobang geht in seinem Projekt davon aus, dass gesprochene Sprache mit zunehmender Digitalisierung zu einem manipulierbaren Produkt wird. Google erfasse aktuell globale Sprachdaten zur Entwicklung von Echtzeitübersetzungstools für Handys, dient als ein Beispiel. Ein anderes benennt ein schon marktfähiges, Artikel schreiben- des Produkt.
    »Sprachlabor Babylon« prescht vorwärts, fegt territoriale Grenzen als Sprachschwelle weg. Mal drei Wochen in die Fremde reisen und sich dafür etwas von der dort üblichen Sprache buchen, ist die freundliche Variante der Fiktion. Ein Szenarium, das einem in gleichem Maße faszinierend wie erschreckend dämmert, denn hier geht es um gewünschte Einspeisung fremder Sprache oder bisher fremden Sprachniveaus ins eigene Hirn per »Blauwellen«. Hier geht es ums Deutsche. Wer beispielsweise unbedingt in die Kreise der Wiedererbauer des Berliner Stadtschlosses wolle, könnte Exzellenzdeutsch brauchen, um niedriger Angesiedelte angemessen in der dritten Person ansprechen zu können. Andere geplante, je nach Geldbeutel zu erwerbende Sprachprogramme könnten Hochleistungs-, Sicherheits- oder Foyerdeutsch sein. »Neukritisch« lässt sich vielleicht erfinden, »Wohlfühlisch« und mehr. Wer solche Programme verkaufen will, braucht Sprachprivateigentum. Die von den Performern erdachte Firma Deutsch eignete sich bereits Sätze aus dem Literaturschatz von Goethe bis Hesse an. Klingt gut. Das Programm »Hochpoetisch« taugt aber nicht für Konversation. Man braucht’s vom Lebendigen.
    Mit dem rechtlichen Hinweis auf dem Programmzettel, dass »Probanden« ihr Urheberrecht auf gespeicherte Sprachbeiträge abtreten, ist der Raubzug vorbereitet. Nina (Tecklenburg) und Martin (Schick) machen sich hochgepeitscht froh als Repräsentanten in Firmenkleidung mit den nummerierten Plätzen und den darüber baumelnden Kopfhörern mit Mikros vertraut. Wie armselig ihre gut gespielte Rolle ist, wird später klar. Der Sprachschatzraub beginnt. Die Probanden werden über Kopfhörer voneinander isoliert angesprochen. Sie müssen nichts sagen, aber die Eitelkeit kriegt Futter. Dafür wird etwas Gesagtes vor allen abgespielt und prämiert. Ein Mann in meiner Nähe redet ununterbrochen. Wird der sprachlich völlig ausgesaugt? Indessen halten Nina und Martin die Probanden bei Laune. Sie zelebrieren mehrfach schwungvoll den perfekt ein- studierten firmeneigenen Tanz mit firmeneigenem Gesang in deutscher Revuemanier der 30er Jahre (Musik: Friedrich Greiling). Süßigkeiten locken in gläsernen »Versorgungskugeln«, Proteinriegel und Energygetränke werden fürs Hochleistungsdenken spendiert. Nach dem Ausflug zu den vermeintlich kostenlosen Leckereien heißt es: »Vielen Dank für Ihr Pausengespräch!«. Ausgezeichnet wird in der Produktion mit schwarzem Humor der arrogante babylonische Anspruch entlarvt, sich das ständig verändernde »Lebewesen« Sprache tatsächlich aneignen zu können, ohne dass es Schaden nimmt. Auch die Gefahr, sich der Marktidee auszuliefern, ist deutlich. Nina müht sich am Ende allein beim Firmentanz, denn Martin ist inzwischen auf »Spardeutsch« umgepolt. Das reicht für »Hhm«. Mehr ist nicht drin.
    Ninas Guthaben läuft auch ab. »Sorgen« und »Bein« sind nicht mehr verfügbar. Ihr fehlen die Worte. Dann sind die beiden plötzlich wieder »aufgeladen«. Tja, die nächsten Probanden sind da.
  1. Sophiensaele Berlin: Interrobang – Sprachlabor Babylon
    Stefen Kassel
    Suite 101 online, 11.11.2012
    Das Ende der Performance ist eine Kopie des Anfangs. Zunächst werden die Zuschauer, die sich vor dem Hochzeitssaal an der Bar aufhalten, von den Akteuren Nina Tecklenburg und Martin Schick empfangen und abgeholt. Bevor es losgeht, wird das Publikum darüber informiert, was es mit dem Ausdruck ‚Preenactment’ überhaupt auf sich hat. Nun, das Performanceteam hat es sich zur Aufgabe gemacht, die gegenwärtige Sprache zu erforschen und neue Wortschöpfungen zu schaffen, die für die Zukunft Gültigkeit beanspruchen sollen. Zukunft sichern wird das genannt – am Ende des Abends werden die Einführungsworte noch einmal wiederholt, damit sie sich besser in die Gehirnwindungen eingraben. Ansonsten ist das Motto der Veranstaltung klar: Willkommen im Sprachlabor! Die Firma Deutsch arbeitet intensiv an der Sprachproduktion, kreiert neue Ausdrücke und Wortkombinationen und benötigt dazu die Unterstützung von willfährigen, relativ unerschütterlichen Probanden.
    Für die Zuschauer sind numerierte, einzeln platzierte Stühle vorgesehen, die mit Kopfhörern ausgestattet sind. Nach einer kurzen Aufforderung von Nina Tecklenburg werden die Geräte übergestülpt und die kleinen Mikrofone in Stellung gebracht.
    […]
    Die Atmosphäre ist wissenschaftlich, man wähnt sich tatsächlich in einer Laborstudie. Das Bühnenbild besteht aus einer weißen Wand, die mit Kabeln übersät ist, deren Stecker elektronische Kontakte herstellen. Immer wieder wählen Nina Tecklenburg und Martin Schick durch Umstecken neue Anschlüsse. Eine kleine Anzeigetafel vermittelt Minimalbotschaften, manchmal werden, wie in Bezirksämtern üblich, nur Nummern eingeblendet. Ausgewählte Personen erhalten einen Sekt, der die Toleranzschwelle nicht übersteigt und die auf der Zunge befindlichen Geschmacksknospen nicht unnötig überreizt. Die Besucher können sich Energiedrinks, die auf einem Tisch postiert sind, zu Gemüte führen, um sich eine kontemplative Phase zur inneren Stärkung zu gönnen. Eine Energiedrinkpause wird als 180-Sekunden-Generalpause anberaumt und die Pausengespräche werden vom unermüdlichen Forscherteam weiter verarbeitet.
    Kreativität ist gefordert, denn es entstehen sprachliche Schrumpfungsprozesse durch ausländische Konkurrenz. Obwohl die Firma Deutsch unsere Welt erweitern möchte und jeder Teilnehmer ein Teil eines großen Ganzen wird, besteht die Gefahr einer Stagnation. Aber warum? Es existiert doch ein Exzellenzdeutsch, das bürgerlich-aristokratischen Ursprungs ist. Nebenher läuft ein Spardeutsch, das sich eine Zeitlang vornehmlich bei Hobby-Bloggern festgesetzt hat. Diese Sprache besteht aus Wörtern wie ‚ächz’, ‚stöhn’, ‚freudig grins’ und ‚kicher’. Derartige Informationen sind für Besucher, die noch nie im Internet in den Genuss von gewissen Sätzen gekommen sind, etwa: ‚Eigentlich geht es mir heute gar nicht schlecht, lach’. Selbstverständlich wird der Forschungsdrang forciert, die Zuschauer werden dazu animiert, Wörter zu sagen, die niemand kennt. Dadurch entsteht ein Neudeutsch, zur Zukunftssicherung der deutschen Sprachkultur. Ein großer Vorteil der Aufführung ist, dass die Interaktion der Gäste systematisch weiterentwickelt wird. Sitznachbarn dürfen sich miteinander austauschen, das gehört ebenfalls zum Programm. Ein günstige Gelegenheit, einem Gegenüber etwas Sanftes zuzuflüstern oder ihn militärisch anzubrüllen. Die Evaluationsphase beginnt dann hinterher. Wie gesagt, der Blick ist in die Zukunft gerichtet. In summa: eine überaus interessante Performance, die man in dieser Art in einem Berliner Stadttheater so nicht geboten bekommt. Gelegentlich lohnt es sich, in den Sophiensaelen vorbeizusehen.


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